Während eines Rennens gibt es Momente, in denen der Körper nicht mehr fragt, ob er weitermachen will. Ayyoub El Osrouti muss sich in der Nacht des vierten oder fünften Tages genau in dieser Situation befunden haben, irgendwo auf einem ehemaligen Militärgelände in der Nähe von Düsseldorf. Schritt für Schritt, immer dieselbe 6,7 Kilometer lange Runde, künstliche Beleuchtung und grünes Gras. 93 Mal, Runde für Runde.
Für alle, die neugierig sind, wer Ayyoub El Osrouti eigentlich ist und inwiefern sein Alter mit seiner Geschichte zusammenhängt, möchte ich klarstellen: Er ist Mitte zwanzig und wurde 1999 geboren. Das bedeutet, dass er in einer Zeit aktiv ist, in der viele seiner Altersgenossen noch darüber streiten, ob sie noch eine Fernsehsendung anschauen oder ins Bett gehen sollen. Das mag dramatisch klingen, ist aber keineswegs unwahrscheinlich.

El Osrouti studiert Chemie und Medizin – zwei Fachrichtungen, die nicht gerade für entspannte Studienpläne bekannt sind. Dennoch nimmt er weiterhin an Veranstaltungen teil, die eigentlich gar keine Wettkämpfe mehr sind. Eine Runde pro Stunde ist die einfache, aber strenge Regel, an die sich Hinterhof-Ultralaufs wie der „Last Soul Ultra 2026“ in der Nähe von Düsseldorf halten. Wer nicht rechtzeitig zurückkehrt, scheidet aus. Der Sieger ist der Letzte, der noch im Rennen ist. Am Freitag, dem 14. August, gingen 169 Athleten an den Start. Am Dienstagmorgen war nur noch einer übrig.
Ello war dieser eine nicht. Der Unterschied war jedoch nicht so groß, wie es scheinen mag. Mark Dowdle, ein 29-jähriger Amerikaner, der in der Szene derzeit als wandelnde Legende gilt, absolvierte 94 Runden. Nach der 93. hielt El Osrouti an – nicht freiwillig, wie manche Berichte behaupteten, sondern erschöpft, auf einer Wiese liegend. Eine Runde trennt den ersten vom zweiten Platz. Nicht mehr als sieben Kilometer – nach über 620.
Es ist schwer, davon nicht beeindruckt zu sein. Was Ello in diesen fünf Tagen geleistet hat, ist in der Welt der Hinterhof-Ultraläufe historisch, zumindest für Deutschland. Es handelt sich Berichten zufolge um die zweitbeste Hinterhof-Leistung, die ein deutscher Läufer je erbracht hat. Das ist ein bedeutendes Detail. Jemand, der Vorlesungen an der Universität besucht, hat diesen Maßstab ebenfalls gesetzt.
Ello war schon immer von extremer Ausdauer fasziniert. Auf seinen Social-Media-Kanälen teilt er regelmäßig Details zu seinem Training; er tut dies auf eine geradlinige Art und Weise, aber mit einer stillen Entschlossenheit, die schwer nachzuahmen ist. Es gibt keine großen Behauptungen über Willenskraft oder Stärke. Der Alltag eines Läufers, der sich bewusst ist, dass die Arbeit erledigt ist, bevor es überhaupt jemand bemerkt, ist genau das Gegenteil. Möglicherweise ist es seine pragmatische Beständigkeit und nicht nur seine körperlichen Eigenschaften, die ihn von anderen Menschen seines Alters unterscheidet.
Von außen kann man nur spekulieren, was ihn antreibt. Wer fünf Tage lang ohne Schlaf durch Dunkelheit und Morgengrauen geht, muss eine innere Überzeugung haben, die stärker ist als jeder Schmerzreiz. Dowdle erzählte, dass er sich am Ende des Rennens ständig fragte: „Ist die Arbeit erledigt?“ Nach dreiundneunzig Stunden war Ellos Antwort kein freiwilliges „Ja“. Sein Körper hatte die Entscheidung getroffen.
Es ist auch faszinierend zu sehen, was diese Leistung über die Szene selbst aussagt. Obwohl sie noch selten sind, werden „Backyard-Ultras“ immer beliebter. Zudem zeigt sich, dass Deutschland Athleten hervorbringt, die das Potenzial haben, weltweit zu den Besten in diesem Bereich zu gehören. El Osrouti ist ein Paradebeispiel dafür; obwohl er jung ist und andere Verpflichtungen hat, kann er mit amerikanischen Vollzeitprofis mithalten.
Wie geht es für Ello weiter? Das ist tatsächlich eine offene Frage. Obwohl seine offiziellen Straßenzeiten von 2:47 im Marathon und 1:11 im Halbmarathon respektabel sind, liegen sie bei den klassischen Distanzen immer noch unter dem internationalen Elite-Niveau. Die Frage ist, worauf er seine Energie konzentrieren wird. Sollte er 2027 bei einem Backyard-Ultra wieder antreten und eine Runde weiter kommen, wäre das keine Überraschung. Manchmal reicht schon ein weiterer Versuch.
