Manche Frauen leben jahrelang im Schatten bekannter Männer, bevor sie schließlich ins Rampenlicht treten. Zu ihnen gehört Jutta Falke-Ischinger. Sie hätte leicht eine stille Begleiterin werden können, denn sie war die Ehefrau von Wolfgang Ischinger, einem der bekanntesten deutschen Diplomaten der letzten Jahrzehnte. Sie hätte lächelnd und schweigend an Empfängen teilnehmen können. Aber sie war offensichtlich nicht diese Art von Mensch.
Sie studierte Deutsch, Englisch und Geschichte, während sie in Westdeutschland aufwuchs – was eher nach einem ehrlichen Interesse an Sprache und ihren Zusammenhängen klingt als nach beruflicher Planung. Auch wenn ihre Karriere als Diplomatin sie in unerwartete Richtungen führte, verlor sie nie ihre Neugier. Als Leiterin des Berliner Büros des „Rheinischen Merkurs“ und politische Redakteurin war sie damit betraut, schwierige Themen, Machtpolitik und Debatten zu bearbeiten – das ist kaum eine Gesellschaftsrubrik. Es ist kaum zu übersehen, dass diese Frau schon in jungen Jahren ihren Platz kannte.

Es folgte Washington. Während der fünfjährigen Amtszeit von Wolfgang Ischinger als Botschafter lebte das Paar in der US-Hauptstadt. Für viele Ehefrauen von Diplomaten bedeutet das endlose Abendessen, Protokoll und gesellschaftliche Verpflichtungen. Für Jutta Falke-Ischinger scheint es Beobachten, Aufzeichnen und Veröffentlichen bedeutet zu haben. Für die „Washington Post“ schrieb sie 2006 über eine Familienreise mit dem Wohnmobil durch Kanada und Neuengland. Dabei kam es zu einem kleinen diplomatischen Zwischenfall. Sie schilderte unverblümt, was sie sah: übergewichtige Camper, verarmte Grenzgebiete und leere Parkplätze. Die Reaktion der USA war eine Flut wütender Leserbriefe. „Verwöhntes Gör“ war noch eine der milderen Bemerkungen. Sogar Helmut Kohl wurde als Vorbild für körperliche Bescheidenheit vorgeschlagen.
Es ist fraglich, ob es sich um eine ehrliche Beobachtung oder um einen Fauxpas handelte. Vielleicht hat sie einfach nur die Gedanken zu Papier gebracht, die viele Menschen hatten, sich aber nicht zu äußern trauten. Oder vielleicht war ihr nicht bewusst, wie empfindlich Amerikaner auf Kritik von außen reagieren. Wahrscheinlich war es ein bisschen von beidem. Sie hat es getan, und zwar unter ihrem eigenen Namen – so viel ist sicher. Das sagt schon viel aus.
Zwei Jahre lang folgte London auf Washington. Als Nächstes kam Berlin. Sie kehrte zu ihrer Rolle als Journalistin und öffentliche Stimme zurück, die sie in ihrer Heimatstadt schon immer innegehabt hatte. Sie schrieb für nicht auf Publikumswirksamkeit ausgerichtete Zeitschriften wie „Die Zeit“, die „FAZ“ und „Cicero“. Gleichzeitig rief sie die Debattenplattform „Disput/Berlin!“ ins Leben. Diese sollte als Forum für den politischen Diskurs dienen, in einer Zeit, in der sich politische Diskussionen immer mehr ins Internet verlagerten und häufig an Tiefe verloren. Es bleibt abzuwarten, ob ein solches Format auf Dauer Bestand haben wird. Das grundlegende Ziel, einen aufrichtigen Dialog wiederherzustellen, ist jedoch lobenswert.
Ihr Buch „Wohin gehen Sie bitte?“ erschien 2010 und ist sowohl eine Liebeserklärung an das Leben einer Diplomatin als auch eine Reflexion darüber. Leser behaupten, es lese sich eher wie ein langer, offener Brief an sich selbst als wie eine Sammlung von Memoiren. Prunk, Pomp, Protokoll und die Frage, was am Ende übrig bleibt. Gemeinsam mit Daniel Goffart verfasste sie 2022 eine Biografie über Friedrich Merz. Die Wahl dieses konkreten Themas kommt nicht ganz unerwartet. Sie hat sich jahrzehntelang mit Merz, der CDU/CSU und den Machtkämpfen auseinandergesetzt.
Darüber hinaus ist Jutta Falke-Ischinger Vorsitzende von „Leben Spenden e.V.“, einer Organisation, die sich für Organspenden einsetzt. Es ist ein Anliegen, das viel Überzeugungsarbeit erfordert und nicht gerade viel Lob erntet. Es sorgt nicht für Schlagzeilen, zumindest nicht für glamouröse. Es ist jedoch ein Anliegen, das von Überzeugung zeugt.
Was bleibt, wenn man all dies zusammenfasst? Eine Frau, die ihre Rolle als Diplomatin eher als Beobachtungsposten für ihre eigene Arbeit sah denn als Bühne für ihren Ehemann. Sie scheute keine Kontroversen; vielmehr suchte sie diese gelegentlich sogar aktiv. Auch wenn es unbequem war, sprach sie die Dinge weiterhin so an, wie sie sie sah – obwohl sie in den Hauptstädten dieser Welt lebte. Es ist noch unklar, welche Projekte als Nächstes anstehen. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass Jutta Falke-Ischinger in absehbarer Zeit in Vergessenheit geraten wird.
