
Es gibt Erben und solche, die das, was ihnen anvertraut wurde, wirklich nutzen. Francesca Thyssen-Bornemisza, die 1958 in Lausanne als Tochter einer der bedeutendsten Industriedynastien Europas geboren wurde, gehört zweifellos zur zweiten Kategorie, doch lässt sich die Komplexität ihres Reichtums, ihres Ehrgeizes und ihres bisweilen turbulenten Lebens nicht mit einem einzigen Begriff angemessen erfassen.
Hans Heinrich “Heini” Thyssen-Bornemisza, ihr Vater, war ein Kunstsammler und schweizerisch-ungarischer Industrieller mit einem persönlichen Vermögen in Milliardenhöhe. Zu seinem Vermächtnis gehörte eine der größten privaten Kunstsammlungen der Geschichte mit über 800 Werken, die schließlich im Madrider Museo Nacional Thyssen-Bornemisza untergebracht wurden. Er verstarb im Jahr 2002.
Neben einem Teil dieses Vermögens erbte Francesca, seine älteste Tochter aus seiner dritten Ehe mit dem britischen Model Fiona Campbell-Walter, auch etwas, das vielleicht noch beständiger ist: ein tiefes Verständnis für die Kraft der Kunst. Obwohl genaue Zahlen selten bestätigt werden, wird angenommen, dass Francesca Thyssen-Bornemisza mit ihrem Nettovermögen regelmäßig zu den 300 reichsten Menschen der Schweiz zählt was ihr jedoch offenbar egal ist.
Bevor sie 1979 an der Londoner St. Martin’s School of Art ihr Studium aufnahm, besuchte Francesca Le Rosey, ein Schweizer Internat, das als eine Art “Finishing School” für die europäischen Superreichen gilt. Sie wuchs abwechselnd in der Villa Favorita am Luganer See und im Londoner Haus ihrer Mutter auf.
Nach zwei Jahren verließ sie die Stadt. Rückblickend erscheint das darauf folgende Jahrzehnt wie eine aufrichtige Suche nach Identität: Durch Schauspielerei, Gesang und Modelarbeit erhielt sie den Spitznamen “Chessy, das Partygirl von London” und etablierte sich als eine Art feste Größe in der Londoner Gesellschaftsszene der 1980er Jahre. Es ist schwer, eine gewisse Unruhe in dieser Zeit zu übersehen, als würde jemand verschiedene Facetten ausprobieren, bevor er sich für eine entscheidet.
Dieser Vorteil erwies sich als die Kunst nicht das Sammeln im Sinne einer Trophäe, sondern das Schaffen von Kunst, deren Finanzierung sie als eine Art Argument nutzte. Im Jahr 2002, dem Jahr, in dem ihr Vater verstarb, war sie Mitbegründerin der Stiftung Thyssen-Bornemisza Art Contemporary (TBA21) in Wien. Mehr als 200 der derzeit über tausend Werke umfassenden Sammlung der Institution wurden direkt bei Künstlern in Auftrag gegeben.
Ihre Philosophie unterscheidet sich stark von dem Blue-Chip-Modell, das ihre Familie berühmt gemacht hat: Sie glaubt weder an Marktlogik noch an spekulative Käufe; stattdessen ist sie fest davon überzeugt, dass in Zusammenarbeit mit Künstlern in Auftrag gegebene Kunst mehr wert ist als auf Auktionen erworbene Kunst. “Ich wollte einzigartige Werke”, so beschrieb sie die Erkenntnis, dass ihre ersten Ankäufe von Thomas Struth, Douglas Gordon und Karen Kilimnik genau dieselben Werke waren, die jeder andere ernsthafte Sammler erwarb.
Ihre Lebensgeschichte fällt mit einigen der entscheidenden Ereignisse der europäischen Geschichte zusammen. Während des Kroatienkriegs im Dezember 1991 reiste sie nach Dubrovnik und wurde Zeugin der Auswirkungen der Bombardierungen und der Belagerung auf die antike Stadt.
Es war weder ein PR-Gag noch ein diplomatischer Besuch. Sie reiste ab, weil sie sich dazu gezwungen fühlte; bei ihrer Rückkehr hatte sie ARCH Art Restoration for Cultural Heritage gegründet, um das zu retten, was verloren ging. Derselbe Impuls zeigte sich erneut im Jahr 2022, als sie als Reaktion auf den russischen Einmarsch in die Ukraine die Initiative “Museums for Ukraine” ins Leben rief, um Kuratoren und Archivinstitutionen in Not finanziell zu unterstützen. Francesca neigt dazu, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, anstatt sich von einer Krise lähmen zu lassen.
Anders sieht es in ihrem Privatleben aus. Ihre Heirat im Jahr 1993 mit Karl Habsburg-Lothringen, dem Enkel des letzten Kaisers von Österreich, wurde in Mariazell groß angekündigt und gefeiert. Der Heiratsantrag hat den Charakter einer Szene aus einem Roman und soll angeblich in der Kaisergruft in Wien erfolgt sein.
Ihre Scheidung wurde 2018 stillschweigend vollzogen, lange nachdem die meisten Menschen davon ausgegangen waren, dass die Angelegenheit bereits geklärt sei. Sie hatten sich bereits 2003 getrennt.
Es ist unklar, ob sie nach der Trennung wieder den Namen Thyssen-Bornemisza annahm eines jener Details, die darauf hindeuten, dass sie es nicht für wichtig hielt, dies zu erklären. Im Oktober 2025 heiratete sie den Schauspieler Markus Reymann, langjähriger Direktor der TBA21-Akademie.
Letztendlich symbolisiert das Vermögen von Francesca Thyssen-Bornemisza etwas, das etwas Faszinierenderes ist als eine bloße Erbschaftssumme. Diese Art von Vermögen, das generationenübergreifend und institutionalisiert ist und sich eher durch Stiftungen als durch individuellen Konsum ausdrückt, lässt sich möglicherweise schwerer quantifizieren, da es sich ständig in verschiedene Formen verwandelt.
Sie verbringt ihre Zeit abwechselnd in einem Loft über einem ihrer eigenen Ausstellungsräume in Wien und in London. Die Wände um sie herum sind mit Kunstwerken bedeckt. Das scheint zumindest bewusst so gewollt zu sein.
i) https://de.wikipedia.org/wiki/Francesca_Thyssen-Bornemisza
ii) https://www.bilanz.ch/people/erben-thyssen-bornemisza
iii) https://www.derstandard.at/story/2000100771730/francesca-habsburg-warten-auf-die-perfekte-welle
iv) https://www.tagesspiegel.de/kultur/unsere-haltung-ist-toxisch-8588260.html
v) https://www.davidrllitchfield.com/tag/francesca-thyssen/
