Ein Blick auf Lotta Stichlers TikTok-Feed hat fast schon etwas Filmisches. Häuser aus rotem Holz. Endlose Kiefernwälder. Eine junge, blonde Person, die stricken oder Brot backen lernt, völlig unbeeindruckt vom Tempo der Außenwelt.
In den Kommentaren schreiben die Leute Dinge wie “Du lebst meinen Traum” man kann das kollektive Aufatmen hinter jedem einzelnen Kommentar förmlich spüren. Lotta ist allerdings keine Schwedin. Sie ist Deutsche, und ihr Vater ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass sie in den sozialen Medien einen skandinavischen Lebens- und Auftretstil pflegt.
Die meisten Deutschen würden Christian Stichler eher aufgrund seiner Stimme als aufgrund seines Aussehens als Journalisten identifizieren. Geboren in Karlsruhe, studierte er Politikwissenschaft, Geschichte, Literatur und Skandinavistik, bevor er beim NDR Erfahrungen sammelte. Im Juli 2018 übernahm er die Position des ARD-Studiokorrespondenten in Stockholm.

Sein Berichterstattungsgebiet erstreckt sich vom Nordkap bis nach Litauen und von Grönland bis nach Estland acht Länder. Jeder ARD-Korrespondent ist für eine der größten Regionen zuständig. Es ist ein anspruchsvoller Job, den derjenige, der ihn ausübt, offenbar ernst nimmt.
Fast zufällig führte diese Karriere auch dazu, dass seine Tochter zwischen Hamburg und Stockholm aufwuchs. Während ihrer Kindheit musste Lotta zwischen zwei verschiedenen Welten hin- und herpendeln: dem eher traditionellen deutschen Stadtleben zu Hause und der nordischen Ruhe eines roten Hauses auf dem schwedischen Land.
Sie lernte Schwedisch eher im Alltag und in den Sommerferien als im Klassenzimmer so lernen Kinder Sprachen, wenn sie keine andere Wahl haben. In einem Podcast-Interview erklärte sie: “Wir sind sehr skandinavisch aufgewachsen”, fügte aber schnell hinzu: “Aber wir sind eben keine Schweden”.
Diese Unterscheidung ist bedenkenswert. Lotta scheint einen Teil ihrer frühen Jahre damit verbracht zu haben, die Balance zu finden zwischen einer Nähe, die ihr das Gefühl gab, Schwedin zu sein, und einer Eigenständigkeit, die sie daran erinnerte, dass sie es nicht ist.
Sie hat offen darüber gesprochen, wie ausgegrenzt sie sich während ihrer Schulzeit in Schweden gefühlt hat. Sie wies darauf hin, dass es für Neuankömmlinge schwierig ist, sich in die Kultur zu integrieren. Es wird besonders schwer, wenn man zudem schüchtern ist.
Der Einfluss all dieser Jahre in den nordischen Ländern ist unbestreitbar. Ihre Beschreibungen vom Stricken und von gemächlichen Vormittagen beim Sammeln von Wildfrüchten vermitteln den Eindruck, dass sie eine Lebensweise wirklich verinnerlicht hat, anstatt lediglich deren Ästhetik für Likes zu kuratieren.
Auch wenn es schwer zu messen ist, scheint es wichtig zu sein. Die Inhalte waren bereits in der Realität verankert, als sie auf Instagram fast 700.000 Follower und auf TikTok mehr als eine halbe Million Follower gewann.
Als langjährige NDR-Journalistin und “Tagesschau”-Moderatorin ist die ältere Schwester ihrer Tante Susanne Stichler Christian ebenfalls im deutschen Fernsehen bekannt. Auch wenn Lottas gewähltes Medium ein anderes ist kürzer, intimer und eher auf Alltagsmomente als auf Nachrichtenzyklen ausgerichtet ist die Familie nach wie vor im Journalismus tätig.
Von außen betrachtet ist es erstaunlich, wie sehr die Lotta Stichler, die die meisten Menschen aus dem Internet kennen, subtil von den Rahmenbedingungen geprägt wurde, die ihr Vater geschaffen hat.
Sie traf eine berufliche Entscheidung in einer Hamburger Redaktion, noch bevor sie alt genug war, um sich überhaupt eine Meinung über Schweden zu bilden was in direktem Zusammenhang mit der Sprache steht, die sie spricht, dem Land, das sie bevorzugt, und den “Slow-Living”-Werten, über die sie schreibt. Kinder von Auslandskorrespondenten erleben das häufig, doch selten zeigt sich dies so deutlich in der öffentlichen Persönlichkeit eines Menschen.
Obwohl sie immer noch nach Schweden reist, ist Lotta inzwischen nach Hamburg zurückgekehrt. Auch wenn es nicht mehr ihr Alltag ist, bleibt das rote Haus im Wald doch ein Teil ihrer Geschichte. Wenn die eigenen Inhalte so eng mit einem bestimmten Ort und einem bestimmten Lebensrhythmus verbunden sind, fragt man sich unweigerlich, ob das Publikum auch weiterhin Interesse zeigen wird, wenn sich das eigene Leben verändert.
Sie scheint sich vorerst damit zurechtzufinden, was mit zwanzig Jahren ganz normal ist. Menschen, die aus welchen Gründen auch immer etwas Wertvolles in ihrem Leben finden, hinterlassen weiterhin Kommentare unter ihren Videos, und ihr Vater berichtet weiterhin aus Stockholm.
