Marcel zögert nicht, seine zweite Tasse Kaffee zu bestellen. Er wirft kaum einen Blick auf die Rechnung, als sie kommt zwölf Franken für zwei Tassen. Der deutsche Gast auf der anderen Seite des kleinen Café-Tisches rechnet leise den Wechselkurs zwischen Schweizer Franken und Euro aus und kommt auf einen Betrag, der den Genuss des Cappuccinos ein wenig trübt.
Entlang der schweizerisch-deutschen Grenze spielt sich diese Szene jeden Tag dutzende Male ab, besonders in Städten wie Basel, wo die beiden Länder so nah beieinander liegen, dass eine Straßenbahnfahrt ausreicht, um zwischen ihren Wirtschaftsräumen zu wechseln. Der Unterschied ist nicht subtil. Für jeden, der von der deutschen Seite kommt, ist er augenblicklich, offensichtlich und oft verblüffend.

Marcel, ein pensionierter Basler, der sein ganzes Leben lang in beiden Wirtschaftsräumen gelebt hat, bringt es auf den Punkt. Er ist wirklich schockiert, wenn er bei einer Reise nach Deutschland eine Pizza für zehn Euro sieht. Zu Hause kostet dieselbe Pizza etwa fünfundzwanzig Franken.
Der deutsche Preis erscheint ihm unglaublich niedrig. Seinen deutschen Freunden, die die Schweiz besuchen, kommt der Schweizer Preis wie ein Fehler auf der Speisekarte vor. Keine der beiden Seiten liegt falsch. Sie leben lediglich in zwei völlig unterschiedlichen wirtschaftlichen Realitäten, die zufällig durch eine Straßenbahnlinie getrennt sind.
Diese Diskrepanz ist auf eine Reihe von Faktoren zurückzuführen, die weit über eine einfache Wechselkursberechnung hinausgehen. Die Schweiz profitiert nicht von den preisausgleichenden Effekten des EU-Binnenmarkts oder den EU-Agrarsubventionen, da sie kein Mitglied der EU ist. Mieten, Arbeitskosten, Lebensmittelpreise und Betriebskosten sind strukturell höher.
Das durchschnittliche monatliche Nettogehalt in der Schweiz beträgt etwa 6.000 Euro und ist damit mehr als doppelt so hoch wie der deutsche Durchschnitt von rund 2.400 Euro. Die gesetzliche Wochenarbeitszeit in der Schweiz beträgt 45 Stunden, in Deutschland hingegen 40. Vom Vermieter, der die Miete für die Restaurantfläche einzieht, bis hin zum Küchenpersonal, das diese Löhne erhält höhere Löhne führen zu höheren Kosten entlang der gesamten Lieferkette im Gastgewerbe.
Auch wenn es sich beim Blick auf eine Speisekarte in Zürich nicht so anfühlt, steckt doch eine gewisse Logik dahinter. In Basel zahlt ein Restaurantbesitzer Schweizer Löhne, Miete und Importpreise für nicht EU-subventionierte Waren. Der Preis der Pizza ist auf die hohen Kosten aller Zutaten zurückzuführen. Auch wenn diese wirtschaftlichen Gegebenheiten für deutsche Besucher unangenehm sind, sind sie doch in sich schlüssig.
Die räumliche Nähe der beiden Preissysteme ist es, die diesen Unterschied so auffällig macht. Mit Blick auf Schweizer Gebäude durch die Fenster liegt das Einkaufszentrum Rheincenter in Weil am Rhein praktisch an der Schweizer Grenze. Sein Hypermarkt gilt als der umsatzstärkste in Deutschland, wobei etwa 75 % seiner Kunden aus der Schweiz kommen.
Familien fahren bis zu 90 Minuten von Orten wie Luzern aus extra dorthin, um Haushaltswaren, Lebensmittel und Pflegeprodukte zu deutschen Preisen zu kaufen. Vor dem Einkaufszentrum erklärt ein Schweizer Kunde, dass allein Hautpflegeprodukte jenseits der Grenze bis zu 50 % günstiger sein können. Die Wirtschaftlichkeit des Tagesausflugs wird deutlich, wenn man dies mit der Möglichkeit kombiniert, die deutsche Mehrwertsteuer auf Einkäufe zurückzufordern.
Es ist schwer, die Absurdität dieser Situation zu übersehen: Die Schweizer, die zu den weltweit bestverdienenden Menschen gehören, fahren nach Deutschland, um beim Kauf von Shampoo Geld zu sparen. Selbst wenn die Gehälter dies theoretisch ausgleichen, hat ein anhaltender Aufschlag von 50 bis 60 Prozent bei den Lebenshaltungskosten diese Auswirkungen auf das Verhalten.
Der Preisschock lässt bei Deutschen, die in die Schweiz gezogen sind wo es etwa 300.000 Dauerbewohner und weitere 65.000 Pendler gibt irgendwann nach. Die Architektin Dorothee, die von Berlin nach Basel gezogen ist, spricht von einer allmählichen Umstellung.
Die Perspektive ändert sich, wenn man mehr Geld verdient und mehr ausgibt. Der Kaffee für zwölf Franken fühlt sich langsam eher wie ein ganz normaler Dienstag an statt wie ein Skandal. Wenn man zu Besuch nach Deutschland zurückkehrt, erscheint die Pizza für zehn Euro plötzlich wie ein Schnäppchen.
Je nachdem, auf welcher Seite der Grenze man aufgewachsen ist, kann diese Umstellung als Vorteil oder als Nachteil empfunden werden. Marcel stört sich nicht daran. Die Besucherin aus Deutschland sieht das vielleicht anders, während sie ihre Quittung in die Tasche steckt. Die Kluft ist strukturell tief, real und dokumentiert, und sie scheint zumindest vorerst nicht kleiner zu werden.
