Früh am Morgen herrscht in einer Konditorei eine gewisse Stille. Die Marmorplatte ist makellos sauber, die Zuckertöpfe stehen auf dem Herd, und derjenige, der das Ganze im Auge behält, hat höchstwahrscheinlich schon seit gestern über diese Charge nachgedacht. Es sieht nicht aus wie eine Fabrikhalle. Und es fühlt sich auch nicht so an. Hier läuft alles präzise ab zumindest in den guten Betrieben. Der Begriff “Süßwaren” wird ungenau verwendet. Er umfasst sowohl handgefertigte Pralinen, die in Seidenpapier in einer Holzschachtel angeordnet sind, als auch massenproduzierte Gummibärchen, die in industrielles Zellophan eingewickelt sind. Beide werden mit Begriffen beschrieben, die das Wesen…
Author: Serena Swift
Wahrscheinlich gibt es irgendwo in einer Küchenschublade oder vielleicht versteckt hinter den neueren Kochbüchern im Regal ein kleines handgeschriebenes Notizbuch, von dem niemand mehr spricht. Die Seiten waren vergilbt, die Seite mit dem Apfelkuchen hatte einen Fettfleck an der Ecke, und die Tinte war leicht verschmiert. Jahrzehntelang galten diese Bücher als überflüssiger Ballast. Heute empfindet man sie ganz anders. Handgeschriebene Rezeptbücher bergen einen stillen, unerwarteten Moment. Nicht, weil ein Starkoch sie empfohlen hat oder jemand eine Kampagne rund um sie gestartet hat, sondern vielmehr, weil die Menschen begannen zu bemerken, was fehlte. Jedes Rezept, das jemals kreiert wurde, ist dank…
Ein später Nachmittag in einem Haus, in dem gerade Kuchen angeschnitten wird, hat eine ganz besondere Atmosphäre. Das Geräusch eines Messers, das auf einen Keramikteller trifft, der Duft von frisch gebrühtem Kaffee und das leise Schieben eines Stuhls über den Boden all das trägt zu einer Stimmung bei, in der es mehr um die Zeit als um den Hunger geht. Vor allem darum, sie anzuhalten. Dafür gibt es einen deutschen Begriff. Der Brauch, sich gegen drei oder vier Uhr nachmittags zu “Kaffee und Kuchen” am Tisch zu versammeln, dient keinem formellen Anlass, sondern ist vielmehr eine natürliche Pause, die in…
Wenn man eine bestimmte Art von Museum besucht, vergisst man leicht, dass man sich in einem Museum befindet. Keine “Bitte nicht anfassen”-Schilder, keine ehrfürchtige Stille und keine Glasvitrinen voller Gegenstände, für die sich normale Menschen schon seit Jahrhunderten nicht mehr interessieren. Ein solcher Ort war das Deutsche Currywurst-Museum in Berlin, das mit seiner Schließung im Dezember 2018 etwas wahrhaft Unersetzliches mit sich fortgenommen hat. Auf den ersten Blick wirkt die Idee wie ein Scherz. Ein ganzes Museum, das einer Wurst gewidmet ist, die mit Currypulver und gewürztem Ketchup überzogen ist. Man kann sich das Pitch-Meeting förmlich vorstellen. Ein Rundgang durch…
Auf einem deutschen Volksfest erlebt man eine gewisse Art von Orientierungslosigkeit. Wenn man ankommt, erwartet man Bier, Bierkrüge, Oompah-Kapellen und Dirndl. Plötzlich steht ein Brathähnchen mit goldbrauner, knuspriger Haut vor einem auf dem Tisch, und alles andere wird nebensächlich. Das ist das Problem mit der deutschen Volksfestküche: Sie überrascht einen immer wieder. Die Aufmerksamkeit der Welt richtet sich größtenteils auf das Oktoberfest, und das zu Recht. Jedes Jahr werden in München etwa 510.000 ganze Brathendl verkauft. Sie werden nur leicht gewürzt und über offener Hitze gegart, bis die Haut Blasen wirft und braun wird. Mit diesem Gericht verbindet sich der…
Jedes Jahr wird der Krapfen irgendwann zwischen der ersten Kälte im Januar und dem von Schuldgefühlen geprägten Schweigen am Aschermittwoch zum politischen Thema. Nicht im formellen Sinne. Niemand spricht das Thema in einem Brief an seinen Abgeordneten an. Man beginnt zu begreifen, dass es sich um mehr als nur ein Gebäck handelt, wenn man im Februar eine deutsche Bäckerei betritt oder miterlebt, wie sich jemand an einem Wiener Marktstand lautstark darüber streitet, ob die Füllung aus Aprikosen oder Himbeeren bestehen soll. Es ist eine Stellungnahme. Eines dieser Lebensmittel, das sich mit fast schon bewundernswerter Hartnäckigkeit jeder Standardisierung widersetzt, ist der…
