Irgendwann Mitte April ändert sich in Deutschland etwas. Die Kreidetafeln in den Restaurants werden abgewischt und neu beschriftet. Die Bauern stellen ihre Holzstände am Straßenrand auf. Mit fast zeremonieller Ernsthaftigkeit ordnen die Supermärkte ihre Obst- und Gemüseabteilungen neu.

In den nächsten rund zehn Wochen wird die Nation kaum über etwas anderes sprechen als über die Ankunft des weißen Spargels. Die Spargelzeit wird auf Deutsch als “Spargelzeit” bezeichnet das Ausrufezeichen, das diesem Begriff in Speisekarten und Werbeanzeigen häufig folgt, scheint durchaus verdient. Das ist nicht nur saisonale Begeisterung. Es grenzt eher an Verehrung.
Laut Marktforschungsdaten, auf die sich Reisejournalisten beziehen, die über diese Region berichten, werden in Deutschland jährlich etwa 105.000 Tonnen weißer Spargel verzehrt. Die Landwirte produzieren nur knapp 60.000 Tonnen pro Jahr, sodass das Land die restliche Menge importiert, um die Nachfrage zu decken. Wohl kein anderes Gemüse auf der Welt wird mit einer solchen landesweiten Dringlichkeit verzehrt.
Wenn man begreift, was weißer Spargel ist und was sein Anbau erfordert, macht diese Begeisterung plötzlich mehr Sinn. Weißer Spargel wird vollständig unterirdisch angebaut, im Gegensatz zur grünen Sorte, die von den meisten Menschen weltweit das ganze Jahr über verzehrt wird. Um jegliches Sonnenlicht abzuhalten und die Bildung von Chlorophyll zu verhindern, schütten die Landwirte sandige Erde zu kniehohen Wällen über die wachsenden Pflanzen auf.
Die Stangen färben sich nie grün. Die Landwirte ernten sie von Hand, eine nach der anderen, und graben sie vorsichtig aus, um die Spitzen zu schonen, die blass, leicht elfenbeinfarben und fast geisterhaft aus dem Boden ragen. Eine Pflanze bringt erst nach drei Jahren ihren ersten verwertbaren Trieb hervor. Dieser Zeitrahmen hat etwas subtil Anspruchsvolles an sich.
Im frühen Frühling knien Landarbeiter zwischen den Erdreihen vor den Toren von Beelitz, einer Stadt etwa 50 Kilometer südwestlich von Berlin und einer der bekanntesten Spargelregionen Deutschlands, und schneiden die Triebe aus dem Boden, bevor sie diese für den Markt verpacken. Es wirkt nicht wie eine Szene aus der modernen Landwirtschaft. Es hat einen fast vorindustriellen Charakter, was vielleicht zu seiner Faszination in einem Land beiträgt, das Kunstfertigkeit und Präzision schätzt. Dieses Gemüse weigert sich ganz offen, sich hetzen zu lassen.
In Deutschland könnte allein die Diskussion über den Geschmack einen ganzen Abend in Anspruch nehmen. Hollandaise oder Butter? Ganze gekochte Kartoffeln oder in Scheiben geschnitten und mit Speck und Zwiebeln gebraten? Geräucherter Schinken oder Schnitzel? Gabel oder Finger? Das sind keine sinnlosen Fragen.
Bei der Beschreibung des weißen Spargels brachte es der Beelitzer Stammgast Sven Sperling, der in den Fünfzigern ist, auf den Punkt: “Das ist etwas ganz Besonderes”. Er lässt sich nicht mit grünem Spargel vergleichen. Die meisten Deutschen würden dem begeistert zustimmen viele würden sogar hinzufügen, dass grüner Spargel, der anderswo weit verbreitet ist, kaum Beachtung verdient.
Die auf die “Spargelzeit” ausgerichtete kulturelle Infrastruktur ist bemerkenswert spezialisiert. Allein in Niedersachsen gibt es einen 750 Kilometer langen, ausgewiesenen Spargelpfad, der sich durch Kleinstädte, Bauernmärkte und Gaststätten schlängelt, in denen die weißen Stangen auf jede erdenkliche Art serviert werden. Es gibt Spargelfeste.
Überraschenderweise gibt es ein Spargelmuseum in einem Fachwerkhaus, in dessen Kinderbereich ein Traktorsimulator für die virtuelle Spargelernte steht. Der offizielle Titel der Stadt Schwetzingen, die an der badischen Spargelstraße liegt, lautet “Spargelhauptstadt der Welt”.
Doch niemand in Deutschland scheint das für übertrieben dramatisch zu halten. Unabhängig von Wetter oder Ertrag endet die Spargelsaison am 24. Juni, dem Johannistag, einem festgelegten traditionellen Datum. Gerade wegen dieses klaren Endpunkts fühlt sie sich wertvoll an. Es ist eine zunehmend seltene Saison mit klaren Grenzen.
Man beginnt zu begreifen, dass das, was die Deutschen wirklich feiern, mehr ist als nur Spargel, wenn man beobachtet, wie Deutschland einem Gemüse mit solch strukturierter Ehrfurcht begegnet komplett mit einem festgelegten Beginn, einem kulturellen Höhepunkt und einem eingehaltenen Ende. Wenn etwas Zartes und Blasses aus dem kühlen Boden hervortritt, beschließt die gesamte Nation, dem flüchtigen, unverwechselbaren Gefühl des Frühlings selbst ihre Aufmerksamkeit zu schenken.
FAQs
1. Was ist die Spargelzeit?
Deutschlands jährliche, zehn Wochen lange Saison der nationalen Spargel-Begeisterung.
2. Warum ist weißer Spargel so besonders?
Er wächst vollständig unterirdisch und wird mühsam von Hand geerntet.
3. Wie groß ist Deutschlands Spargelhunger wirklich?
105.000 Tonnen werden jährlich verzehrt — mehr als das Land selbst anbaut.
4. Wie lange dauert es, bis eine Pflanze erstmals erntet?
Drei Jahre vergehen, bevor ein erster verwertbarer Trieb entsteht.
5. Wann endet die Saison und warum ist das bedeutsam?
Immer am 24. Juni — das feste Enddatum macht sie erst wirklich wertvoll.
6. Was feiern die Deutschen wirklich während der Spargelzeit?
Nicht nur ein Gemüse, sondern das flüchtige, unverwechselbare Gefühl des Frühlings.
