In Deutschland sind Sonntagvormittage mit einer ganz besonderen Art von Stille verbunden. Die Geschäfte sind geschlossen. Auf den Straßen herrscht eine gemächliche Atmosphäre. Eine Bäckerei in der Nähe hat schon vor Tagesanbruch geöffnet jemand, höchstwahrscheinlich ein Vater, ist bereits losgegangen, um die Brötchen zu holen, noch immer mit einem Mantel über dem Schlafanzug. Das Wasser köchelt bereits, wenn die Brötchen wieder auf den Tisch kommen, und das Ei wird hinzugefügt.
Die meisten Deutschen würden dies nicht als Ritual betrachten, weil es so alltäglich ist. Doch genau diese Alltäglichkeit ist der springende Punkt. Seit Generationen ist das als „Sonntags-Ei“ bekannte weichgekochte Ei ein stiller fester Bestandteil des deutschen Frühstückstisches.
Es steht in seinem kleinen Porzellanständer, bereit, mit der flachen Seite eines Messers am Rand aufgeschlagen zu werden niemals mit einem Löffel, wie es anderswo üblich ist –, und dann leicht gesalzen, bevor es verzehrt wird. Kaum jemand macht sich darüber große Gedanken, weil es sich um eine so spezifische, choreografierte Handlung handelt.

Sonntags ist das Ei am wichtigsten. Rührei unter der Woche hat einfach nicht dieselbe zeremonielle Bedeutung wie das „Sonntagsei“, oder wörtlich „Sonntags-Ei“. Unter der Woche ist das Frühstück eher zweckmäßig: Kaffee, ein Brötchen mit Aufschnitt oder etwas Schnelles zum Essen vor der Fahrt zur Arbeit.
Der Sonntag hingegen ist lang. Der Tisch wird mit größerer Liebe zum Detail gedeckt. Das Ei kommt auf den Tisch. Das „Sonntagsei“ scheint die Geschwindigkeit zu symbolisieren, mit der Deutschland früher lebte, bevor alles an Tempo gewann etwas, an dem viele Familien noch immer auf subtile Weise festzuhalten versuchen.
Das deutsche Frühstücksei ist Teil eines fast schon theatralischen Buffets, was interessant ist. Das „Frühstück“-Buffet, das Aufschnitt, Gouda, Roggenbrot und Quark mit Honig über Müsli umfasst, ist bemerkenswert aufwendig für eine Mahlzeit, die vor Beginn des Tages eingenommen werden soll. Das Ei, das zwar klein ist, aber irgendwie eine tragende Rolle spielt, nimmt in diesem Buffet eine besondere Stellung ein. Das einzige, was gekocht, beaufsichtigt und zeitlich abgestimmt werden muss, ist das Warme, das Eiweiß.
Die Deutschen legen Wert auf die Technik, was Außenstehenden vielleicht pingelig erscheinen mag. Anstatt ein Ei einfach nur zu kochen, legt man es in einen Eierbecher, schlägt den Rand fest ein, hebt die Schalenhälfte ab und gibt Salz hinzu. Eierbecher sind in Deutschland aus gutem Grund nach wie vor ein gängiger Haushaltsgegenstand, auch wenn sie anderswo mittlerweile als dekorative Kuriositäten gelten.
Für dieses Ritual ist die richtige Ausrüstung erforderlich. Die Wiener, die gleich nebenan wohnen, haben ihre eigene Variante: „Eier im Glas“, bestehend aus zwei geschälten, weich gekochten Eiern, die in historischen Kaffeehäusern wie dem Café Sacher mit Brotsoldaten in einem Stielglas serviert werden anderes Theater, dasselbe Ei.
Diese Verbundenheit geht möglicherweise tiefer als bloße Gewohnheit. Eier werden seit jeher mit Leben, Wiedergeburt und dem friedlichen Versprechen des Erwachens aus dem Schlaf in Verbindung gebracht. Es ist unwahrscheinlich, dass jemand am deutschen Frühstückstisch bewusst in diese Richtung denkt.
Die anhaltende Beliebtheit des Eies trotz jahrzehntelanger Veränderungen in der Esskultur und der Bequemlichkeit von Fast Food deutet auf etwas Hartnäckigeres hin als bloße Vorliebe. Mehr als die Hälfte der Deutschen hält Kaffee nach wie vor für ein Muss zum Frühstück; Eier liegen in Bezug auf die kulturellen Erwartungen nicht weit dahinter, wenn auch nicht immer in der Realität.
Das deutsche Frühstücksei scheint eines jener Dinge zu sein, die zeigen, wie subtil sich eine Kultur organisiert ganz gleich, ob man diesen Brauch von außen betrachtet oder aus der Perspektive eines Menschen, der dort aufgewachsen ist und sich dessen erst später bewusst wurde. Kleine, sich wiederholende Handlungen statt Spektakel. Das Wasser köchelte. Die Zeitschaltuhr war eingestellt. Die Klinge lag flach an der Schale an. Das Salz. Bestimmte Rituale bedürfen keiner Erklärung. Sie müssen einfach weiterbestehen.
