In den Küchen in ganz Deutschland, Österreich und Luxemburg beginnt irgendwann in der zweiten Dezemberwoche ein bekannter Brauch. In einer Art feierlicher Stille öffnet jemand einen Schrank, holt ein Gerät heraus, das seit einem Jahr nicht mehr benutzt wurde, wischt den Staub ab und stellt es auf die Arbeitsplatte. Der Raclette-Grill ist zurück.
Millionen von Haushalten erleben dies gleichzeitig, fast ohne ein Wort zu wechseln, wie aus einem Instinkt heraus. Wenn man einmal genauer darüber nachdenkt, ist die Verbreitung von Fondue und Raclette an Silvester in den deutschsprachigen Ländern ein wahrhaft eigenartiges kulturelles Phänomen. Diese beiden Gerichte wurden aus der Schweiz übernommen und sind mittlerweile so fest in der Silvestertradition verankert, dass man sich den Abend ohne sie kaum noch vorstellen kann.

Es stellt sich heraus, dass der Reiz des Raclette eher darin liegt, wie es den Raum verändert, als im Essen selbst. Niemand muss am Herd stehen. Während alle anderen lachen, geht niemand in die Küche. Gemeinsam füllen sie ihre kleinen Pfännchen mit Käse und Belag, warten ein paar Minuten, bis die oberste Schicht Blasen wirft und bräunt, und kratzen das fertige Gericht dann auf Kartoffelscheiben und Cornichons.
Auf eine Weise, wie es nur wenige Mahlzeiten vermögen, zieht sich das Abendessen durch den Rhythmus “vorbereiten, warten, essen, reden, wiederholen” über mehrere Stunden hin. Am letzten Abend des Jahres ist das vielleicht genau das, was die Menschen brauchen. Ein Vorwand, um am Tisch zu bleiben.
Auch wenn seine Varianten eine faszinierende Geschichte des sich wandelnden Geschmacks erzählen, hat das Fondue in Deutschland einen ähnlichen Weg eingeschlagen. Während das traditionelle Käsefondue nach wie vor beliebt ist, gewinnt das Fondue Chinoise, bei dem hauchdünne Fleischscheiben statt in Öl in einer gewürzten Brühe gegart werden, stetig an Beliebtheit.
Da das Garen jeder einzelnen Scheibe viel Geduld und Aufmerksamkeit erfordert, ist es leichter, weniger einschüchternd und möglicherweise geselliger. Die auf Öl basierende Variante mit Fleischwürfeln, das Fondue Bourguignonne, ist in manchen Haushalten nach wie vor ein Favorit, doch es scheint, als würde das Fondue Chinoise bei Gästen, die das gemeinschaftliche Erlebnis ohne die damit einhergehende Schwere bevorzugen, subtil an Beliebtheit gewinnen.
Es ist wichtig zu beachten, dass keines dieser Rezepte einen besonders deutschen Ursprung hat. Beide sind Schweizer Exporte, die internationale Grenzen überschritten haben und sich in den Aufnahmeländern zu Bräuchen mit emotionaler Bedeutung entwickelt haben, die weit über ihre Schweizer Herkunft hinausgeht. Natürlich hat Deutschland seine eigenen kulinarischen Traditionen für Silvester.
Die vielleicht einfachste und unverfälschtste davon ist der Kartoffelsalat mit Bockwurst, der landesweit in den Haushalten ganz ohne Ironie gegessen wird. Auf vielen Tischen steht nach wie vor Karpfen, der Glück bringen soll. Ein Aberglaube besagt, dass eine Fischschuppe im Portemonnaie im kommenden Jahr Reichtum bringt. Die Schuppen werden nach wie vor verstaut, unabhängig davon, ob jemand tatsächlich daran glaubt. Selten halten sich Traditionen allein auf der Grundlage der Vernunft.
Der Kontrast zwischen Aufwand und Atmosphäre macht Fondue und Raclette zu so reizvollen Silvestergerichten. Sie schaffen ein festliches Ambiente, mit dem ein Auflauf einfach nicht mithalten kann, erfordern aber gleichzeitig nur sehr wenig Kochkönnen und sind ohne großen Stress zuzubereiten.
Der Gemeinschaftstopf, die kleinen Einzelpfännchen und das Tischgerät sind Gegenstände, die Feierlichkeit symbolisieren, ohne dafür viel zurück zu verlangen. Das zeugt von einer gewissen sozialen Intelligenz, und das Konzept passt nahezu ideal zur Stimmung des Abends. Anstatt sich erschöpft zu fühlen, wollen die Menschen Freude empfinden.
Und vielleicht ist das der unausgesprochene Grund, warum Deutschland Jahr für Jahr immer wieder auf diese Gerichte zurückgreift, unabhängig von kulinarischen Trends, die in der Zwischenzeit aufgekommen sein mögen. Fast ohne es zu versuchen, erfüllen Raclette und Fondue Chinoise die Anforderungen, die Silvester an die Verbundenheit der Menschen, ihre Geduld und ihre Bereitschaft stellt, bis nach Mitternacht zusammenzubleiben.
