Es ist fast unmöglich, diese Idee zu widerlegen. Jeden Tag produzieren Restaurants und Supermärkte Berge von unverkauften Lebensmitteln vollkommen genießbare Lebensmittel, die in Lagerräumen und Küchen liegen und die Stunden bis zu ihrer Entsorgung herunterzählen. Eine App, die hungrige Menschen mit diesen Überschüssen verbindet und ihnen einen kleinen Teil des Preises in Rechnung stellt, taucht auf, und plötzlich profitieren alle davon: die Erde, das Unternehmen, der Käufer. Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Aus gutem Grund hat sich “Too Good To Go” diese Geschichte voll und ganz zu eigen gemacht. Die App hat mehrere zehn Millionen Nutzer,…
Author: Karl Jackson
Wenn man Ende November über einen deutschen Weihnachtsmarkt schlendert, wird man schon allein vom Geruch in seinen Bann gezogen. Die Mischung aus gewürztem Teig, karamellisiertem Zucker und warmer Butter, die in der kühlen Luft aufsteigt und noch lange an der Jacke haftet, nachdem man schon längst weitergegangen ist, hat etwas fast Überwältigendes. Dieses Sinneserlebnis wird vor allem durch drei Plätzchen geprägt: Spekulatius (manchmal auch Speculaas geschrieben), Vanillekipferl jene mit Puderzucker bestäubten Halbmonde, die ihren Ursprung in Österreich haben und im Laufe des vergangenen Jahrhunderts ganz unauffällig ihren Weg in jede deutsche Küche gefunden haben sowie Zimtsterne, jene Mandel-Zimt-Sterne. Sie werden…
Zwischen dem ersten Knuspern und dem ersten Bissen gibt es einen Moment, in dem man völlig vergisst, was man gerade isst. Das Innere ist zart, die Panade ist goldbraun, und der Duft, der vom Teller aufsteigt, ist eindeutig der von etwas, das fachmännisch und sorgfältig frittiert wurde. Knollensellerie könnte der Übeltäter sein. Es könnte auch Blumenkohl sein. Kalbfleisch ist es wahrscheinlich nicht der Unterschied wird immer unbedeutender. Schnitzel aus Gemüse sind nichts Neues. Die meisten Menschen irren sich in dieser Hinsicht. In der österreichischen und mitteleuropäischen Küche wurde Knollensellerie in Scheiben geschnitten, mit Mehl, Ei und Semmelbröseln paniert und in…
In Deutschland sind Sonntagvormittage mit einer ganz besonderen Art von Stille verbunden. Die Geschäfte sind geschlossen. Auf den Straßen herrscht eine gemächliche Atmosphäre. Eine Bäckerei in der Nähe hat schon vor Tagesanbruch geöffnet jemand, höchstwahrscheinlich ein Vater, ist bereits losgegangen, um die Brötchen zu holen, noch immer mit einem Mantel über dem Schlafanzug. Das Wasser köchelt bereits, wenn die Brötchen wieder auf den Tisch kommen, und das Ei wird hinzugefügt. Die meisten Deutschen würden dies nicht als Ritual betrachten, weil es so alltäglich ist. Doch genau diese Alltäglichkeit ist der springende Punkt. Seit Generationen ist das als “Sonntags-Ei” bekannte weichgekochte…
Ende Juli, zwischen dem ersten heftigen Sommerregen und dem Moment, in dem ein Koch seinem Kontakt unter den Pilzsammlern zum dritten Mal in dieser Woche eine SMS schickt, herrscht eine gewisse Vorfreude. Die Pfifferlingssaison kündigt sich nicht mit großem Tamtam an. Sie schleicht sich ein, golden und leicht fruchtig, mit einer unverwechselbaren Erdigkeit, an die kein Zuchtpilz jemals herankommen konnte, und die Restaurantküchen ändern dann ganz subtil ihren Kurs. Die Speisekarte bei “Chanterelle” ist kein Marketingtrick. Zumindest nicht in den empfehlenswerten Lokalen. Sie gleicht eher einem saisonalen Bekenntnis eines Kochs, der, wenn auch nur kurz, anerkennt, dass der Großteil der…
Karl Sonntag, auch bekannt als Charly, steckt bis zu den Ellbogen im Teig, wenn man kurz vor Mitternacht eine Bäckerei in der deutschen Ortschaft Pech betritt. Um elf Uhr abends beginnt er mit dem Kneten. Bis zum Morgen werden seine Öfen fünfundzwanzig verschiedene Brotsorten hervorgebracht haben, deren Duft durch die ruhigen Dorfstraßen weht. Vielleicht ist Ihnen Pech noch kein Begriff. Doch die Arbeit, die in dieser Bäckerei geleistet wird, ist genau die, die Deutschland eine seiner ungewöhnlichsten Auszeichnungen beschert hat: eine UNESCO-Auszeichnung für Brot statt für eine Kathedrale oder ein Flusstal. Die deutsche Brotkultur wurde 2014 in das Verzeichnis des…
Wenn man vor sieben Uhr morgens eine bayerische Bäckerei betritt, nimmt man einen bestimmten Geruch wahr, der fast mineralisch anmutet irgendwo zwischen warmem Getreide und einem Hauch von Salzlake. Weder die Hefe noch die Butter sind dafür verantwortlich. Es ist die Lauge die gesamte süddeutsche Backtradition ergibt erst dann wirklich Sinn, wenn man versteht, was Lauge tatsächlich mit dem Teig bewirkt. In einer Familie von Backwaren, zu der auch die bekannte Brezel, das Weichbrötchen und der Zopf gehören, ist die Laugenstange wohl die am wenigsten glamouröse. In den Schaufenstern der Bäckereien in ganz Bayern, Baden-Württemberg und Schwaben steht sie so…
Vor vier Jahren gab es in Großbritannien 89 Brettspielcafés. Ruhige kleine Lokale, vor allem in London, die sich an einen Teil der Bevölkerung richteten, der bereits den Unterschied zwischen einem Deck-Builder und einem Worker-Placement-Spiel kannte. Mit anderen Worten: eine Nische. Es ist die Art von Sache, die man zufällig entdeckt und liebenswert findet, von der man aber nie wirklich erwartet, dass sie sich weiterentwickelt. Heute sind es 247. Bis zum Jahresende werden voraussichtlich 34 weitere eröffnet. Heutzutage muss man Tische in beliebten Lokalen am Wochenende zwei bis drei Wochen im Voraus reservieren. Es ist eine Expansion, die einen dazu veranlasst,…
Ein Topf Minestra Maritata hat etwas subtil Bemerkenswertes an sich. Obwohl das Gericht seinen Ursprung in den neapolitanischen Küchen hat und seit Jahrhunderten an Heiligabend und Ostersonntag in Süditalien köchelt, spricht vieles dafür, dass es genauso selbstverständlich auf die Festtische Norddeutschlands gehört. Das Gericht, wörtlich übersetzt “verheiratete Suppe”, schafft das, was den meisten Festtagsgerichten nicht gelingt: Es füllt den Tisch mit Wärme statt nur mit Volumen. Das scheint nicht nur die Tradition zu sagen. Auch die Gastronomie macht da keine Ausnahme. Reichhaltiges Schmorfleisch und bitteres Blattgemüse werden getrennt gegart und dann zum Schluss zusammen köcheln gelassen, um die Suppe zu…
An einem Wochenende im November sind die Tischreservierungen in den Restaurants über Nacht vergriffen. Der 11. November ist ein Feiertag, von dessen Existenz die meisten Menschen außerhalb Mitteleuropas kaum etwas wissen, doch bei denen, die ihn kennen, macht sich Ende Oktober ein leises Gefühl der Dringlichkeit breit. Es ist weder Valentinstag noch Heiligabend oder der Martinstag. Man beginnt, Anrufe zu tätigen. Man erkundigt sich nach freien Plätzen. Man reserviert einen Tisch. Wer das nicht tut, isst zu Hause. Den Erzählungen zufolge war der heilige Martin von Tours im vierten Jahrhundert ein unfreiwilliger Soldat, der die Ränge durchlief, bevor ein Moment…
